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Kooperation statt Intervention und die Folgen für die Entnazifizierung
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make full use of the police , in view of the strong Communist penetration of the force.”2042
[ Hervorhebung d. Verf. ]
Abgesehen von den angesprochenen ideologischen Motiven , die eine Rolle für die kritisierte Passivität gespielt haben mögen , hatten die Franzosen aller­dings ihren militäri­schen
Organisationapparat als Besatzungsmacht in Wien auf Grund von Einsparungsmaßnahmen seit Mitte des Jahres 1946 längst stark zurück­gebaut und das Besatzungspersonal deutlich reduziert : die von der französischen Besatzungsmacht wahrgenommenen Kompetenzen beschränkten sich primär auf verwaltungstechnische Kontrolle – alle anderen Agenden
überließ man der Eigen­verantwortung öster­reichi­scher Stellen.2043
Jedenfalls informierte Benner über Kurzwellen-Funk umgehend den US-Provost Marshall ( d. i. Kommandant des amerikanischen Korps der Wiener Militärpolizei ), Colonel
W. P. Yarborough , von dem gestellten Ultimatum an Rektor Adamovich. Der Colonel teilte
Benner mit , er würde einen illegalen Einsatz der interalli­ier­ten Patrouille , der regulär nur
von den Franzosen befehligt werden dürfte , nur durch­führen , wenn Benner dafür die volle
Ver­ant­wortung übernähme , was dieser akzeptierte.
Dass es in der Rektoratskanzlei noch einen „Schlagabtausch zwischen US-General
Baker und dem Polizeichef des ersten Bezirks“2044 gegeben habe , wonach dieser später
die Ansicht vertrat , die Demonstration hätte verhindert werden müssen , mag zutreffen ,
ist aber wohl eher als rhetorische Ersatzhandlung zu werten denn als seriöse Intervention
seitens der US-Militärbehörden : sofern es sich bei dem Amtsvermerk nicht um eine leicht
überzeichnete Darstellung handelt , war der Polizeikommandant des ersten Bezirks sicher
ein schwacher und hierarchisch ver­gleichs­weise tiefgestellter ‚Sündenbock‘. Noch vor Ablauf des FÖJ-Ulti­matums erreichten schließlich mehrere Jeeps der interalli­ier­ten Militärpolizei – anscheinend ausnahmslos US-Soldaten mit Gummi­k nüppeln – das Universi­täts­
ge­bäude , woraufhin sich die Demonstration – „without a blow“2045 – umgehend auflöste.
Interessanterweise wurde diese ungeplante und keineswegs unheikle Initiative seitens
der amerikanischen Militärbehörde später mit keinem Wort thematisiert – weder in der
Öffentlichkeit , noch in den Gremien des Alliierten Rates. Im Gegenzug verlangten die
Sowjets unmittelbar nach den Hochschulereignissen im Exekutiv­komitee des Alliierten
Rates energisch die sofortige Schließung der Uni­versität , bis die Studentenschaft endlich
vom nationalsozialistischen Einfluss ‚ge­säubert‘ wäre.
2042 John G. Erhardt an Secretary of State /  Washington D.C., „Communist Riot and Demonstration against
Vienna University , November 22 , 1946 , No. 2063 , 3. NARA II , RG 84 , Foreign Service Posts of the
Depart­ment of State. Austria , POLAD & USCOA , Classified Records 1945–55 , Box 3.
2043Stefan Vogel , Der französische Sektor in Wien 1945–1955. In : Studien zur Wiener Geschichte. Jahr­
buch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien. Hrsg. v. Karl Fischer. Bd. 61 , Wien 2005 , 302.
2044Huber , Studenten im Schatten der NS-Zeit , a. a. O., 191.
2045 Benner , „Unhappy Austria“, a. a. O., 8.