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Missing Link : Fehlende Umsetzung der Reorientierungs-Konzepte
211
ner bisher extremsten Ausprägung als menschenvernichtende NS-Rassenpolitik hatte die
Auseinandersetzung mit Fragen einer demokratisch nachhaltigen Friedensicherung nach
1945 in den USA und in Großbritannien913 bereits sehr früh begonnen. Doch obwohl dieser zivile Reorientierungs-Diskurs bereits um 1940 / 41 einsetzte und rasch zu einer breiten
intellektuellen und wissenschaftlich-politischen öffentlichen Debatte führte , finden sich
in den dokumentierten Ergebnissen der alliierten Kriegskonferenzen bis zum „V-E-Day“ –
und darüber hinaus – keine Aussagen zur demokratischen Reeducation ,914 die ja innenpolitisch sowohl in Amerika als auch in Großbritannien durchaus Brisanz hatte.
Die von Roosevelt und Churchill im August 1941 beschlossene Atlantik-Charta bildete
als alliierte Bündnis-Formel den ersten weltanschaulich-programmatisch verlautbarten
Kontrapunkt zur nationalsozialistischen Aggressionspolitik , der – von der militärischen
Niederringung der Achsenmächte abgesehen – die Entnazifizierung und Entmilitarisierung sowie der Auf bau einer flankierenden Friedensordnung als Kriegsziele formulierte.
Obwohl im Reorientierungs-Diskurs wiederholt auf die Atlantik-Charta Bezug genommen wurde , waren die darin enthaltenen friedenspolitischen Aussagen lediglich Versatzstücke einer allianz-diplomatischen Rhetorik , die zu allgemein und vage gehalten waren ,
um einen konkreten Ansatzpunkt für brauchbare Konzepte abzugeben. Hinzu kommt ,
dass das universalistische Prinzip des freien Selbstbestimmungsrechtes der Völker , wie
es in der Atlantik-Charta noch zugrundegelegt war , auf den nachfolgenden alliierten
Kriegskonferenzen sukzessive durch militärische Realpolitik ersetzt wurde. Ausgehend
von der auf der Casablanca-Konferenz 1943 von den USA forcierten Forderung nach bedingungsloser Kapitulation Deutschlands , verstärkten sich auf den folgenden Kriegskonferenzen von Teheran , Quebec und Jalta – freilich ohne jede tiefere Auseinandersetzung
und Konkretisierung – Überlegungen in Richtung autoritär-punitiver Umerziehungsmaßnahmen.915
Die in den Kriegsjahren intensiv geführte Auseinandersetzung mit der grundsätzlichen
Notwendigkeit , den Voraussetzungen und den konkreten Umsetzungsmöglichkeiten für
eine demokratische Reorientierung Deutschlands und Österreichs nach Kriegsende fand ,
wie dargestellt , auf Ebene der US-Regierungsstellen unter anderem in einzelnen Abteilungen des State Department und geheimdienstlichen Aktivitäten auch durchaus Niederschlag.
Im Zusammenhang mit den ab Anfang 1944 ins Rollen gekommenen alliierten militärisch-strategischen Planungen für die konkrete Struktur und den Aufgaben und Zielen der
Besatzungsorgane hatte der inhaltlich differenzierte Reorientierungs-Diskurs der zivilen
913Zur britischen Reorientation siehe : Günter Pakschies , Umerziehung in der Britischen Zone. Untersuchungen zur britischen Re-education-Politik (= Studien und Dokumentationen zur deutschen Bildungsgeschichte. Hrsg. v. Christoph Führ und Wolfgang Mitter ). 2. Aufl., Köln – Wien 1984.
914 Günter Pakschies , Re-education und die Vorbereitung der britischen Bildungspolitik in Deutschland. In :
Heinemann ( Hrsg. ), Umerziehung und Wiederaufbau , a. a. O., 103.
915 Ebd., 105.
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