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Zur Rolle Österreichs in der Reeducation-Planungder US-Militärstäbe 1943 / 4 4–1945
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ture , a sound course in Military Government and that course will not overlook a few of the
fundamental principles of justice which even make their appearance in the ‘Rules of Land
Warfare’.”1138
Tatsächlich war dann auch der auf Adolf Eigl folgende oberösterreichische ÖVP-Landeshauptmann Heinrich Gleißner keineswegs ein völlig unproblematischer Kandidat.1139
Obwohl Gleißner weder in einem am 16. Mai 1945 ausgefüllten Fragebogen der US-Militärregierung noch in einem danach unterfertigten Lebenslauf eine NSDAP-Mitgliedschaft angegeben hatte , war dem ÖVP-Parteipräsidium bereits 1945 durch persönliche
Information von Gleißner bekannt , dass dieser , nach Intervention seiner Ehefrau bei der
Mutter Himmlers , auf Veranlassung des „Reichsführers SS“ aus der KZ-Haft entlassen
und ab 1941 in Berlin in einem SS-Betrieb ( „Braunkohle-Benzin AG“ ) gearbeitet hatte , wo
er , wie Kurt Tweraser berichtet , „ein höchst gefährliches Naheverhältniss zu Persönlichkeiten des deutschen Widerstandes“1140 unterhalten haben soll. Die in jener Zeit beantragte
NSDAP-Mitgliedschaft Gleißners1141 – er war seit dem 1. April 1941 mit der NSDAPMitgliedsnummer 8. 293. 060 verzeichnet1142 – wurde den US-Militärstellen allerdings erst
im Frühjahr 1948 bekannt. Hinsichtlich der 1946 kolportierten Mitwirkung Gleißners an
der „Regierung Kaltenbrunner“, die einen Separatabkommen mit den Westalliierten angestrebt hatte , hatte Gleißner im April 1946 selbst ein Untersuchungsverfahren beantragt
und erklärt , von dieser Angelegenheit nichts zu wissen.1143 Aus besatzungspolitischen Interessen wurde die NSDAP-Mitgliedschaft Gleißners , die im Zusammenhang mit einer
für 1949 geplanten USA-Reise Gleißners virulent wurde , allerdings vor der Öffentlichkeit
1138 Ebd., 3 f.
1139 Heinrich Gleißner ( 1893–1985 ), Corpsstudent und promovierter Jurist. 1930 wird Gleißner Direktor
der oberösterreichischen Landwirtschaftskammer. Nach kurzzeitiger Funktion als Staatssekretär im
Land- und Forstwirtschaftsministerium wurde Gleißner 1934 oberösterreichischer Landeshauptmann.
Infolge seiner Kontakte zu Juden sah sich Gleißner nationalsozialistischen Angriffen ausgesetzt , pflegte
jedoch selbst zu „Illegalen“ wie Franz Langoth und Anton Reinthaller gute Kontakte. Unmittelbar nach
dem „Anschluss“ wurde Gleißner am 15. März 1938 verhaftet und nach Misshandlungen in das Konzentrationslager Dachau bzw. in das Konzentrationslager Buchenwald transportiert. Vgl. Schuster , Politische Restauration und Entnazifizierungspolitik in Oberösterreich , a. a. O., 176 ; weiters : Thomas Dostal ,
Das „braune Netzwerk“ in Linz. Die illegalen nationalsozialistischen Aktivitäten zwischen 1933 und
1938. In : Fritz Mayrhofer /  Walter Schuster ( Hrsg. ), Nationalsozialismus in Linz. Bd. 1 , Linz 2001 , 64.
1140 Tweraser , US-Militärregierung Oberösterreich. Bd. 1 , a. a. O., 233 f.
1141 Für den Hinweis auf den „Fall Gleißner“ danke ich an dieser Stelle Herrn Univ.-Prof. DDr. Oliver Rathkolb , der – wenn auch in anonymisierter Form – zuallererst diese Causa erwähnt hat. Siehe : Oliver
Rathkolb , US-Entnazifizierung in Österreich zwischen kontrollierter Revolution und Elitenrestauration
( 1945–1949 ). In : Zeitgeschichte , 9–10 , 1984 , 317.
1142 Tweraser , US-Militärregierung Oberösterreich. Bd. 1 , a. a. O., 232.
1143 Schuster , Politische Restauration und Entnazifizierungspolitik in Oberösterreich , a. a. O., 183.