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4. „The democratic way of life in Austria“
Bereits fünf Monate nach Verlautbarung des NS-Gesetzes 1947 bemühte sich die öster­
reichische Regierung mit Unterstützung der Westalliierten allerdings darum , den Zugang
für Minderbelastete durch eine weitere Novelle der kommissionellen Über­prüfung möglich zu machen.
Ausgangspunkt für dieses Bemühen um eine Revision der hochschulspezifischen Passagen des NS-Gesetzes waren Urgenzen der Österreichischen Hochschülerschaft , deren
Zentralausschuss am 4. Februar 1947 unter Vorsitz von Otto Kudlacek ein ausführliches
Memorandum an den Alli­ierten Rat gerichtet hatte , in dem sie sich gegen die darin zu
Ausdruck kommenden „Kollekti­vschuld“ und gegen die unnachsichtige Härte in Behandlung der Studierenden wandte , die in Summe 5. 000 inskribierte Hörer betreffe.2153
Als Verfassungsgesetz bedurfte die Novelle allerdings der Zustimmung des Alliierten
Rates , die auf Grund des zunehmenden Misstrauens der Sowjets gegenüber der öster­
reichischen Haltung in Entnazifizierungsfragen freilich nicht zustande kam. Bis zur Jugendamnestie am 3. Mai 1948 fielen Studierende somit formal unter die strengsten aller
Ent­nazifizierungsbestimmungen überhaupt.2154
Im April 1947 folgte die Durch­führungsverordnung des Verbots­gesetzes im öffent­lichen
Dienst ,2155 die zwar einige von Amerikanern , Franzosen und Russen gegenüber dem öster­
reichischen Ent­wurf einge­forderte Verschärfungen2156 enthielt , in Summe aber viele der
Ent­schei­dungen der Sonderkommissionen – ins­beson­dere gegenüber den „Illegalen“ – aufhob. Mit Inkraft­treten dieser Gesetzes­novelle gab es , wie Dieter Stiefel berechnet hat , auf
einmal 25. 520 Nationalsozialisten weniger.2157
2153 NARA II , RG 84 , ( 84 /  350 / 49 /  09 /  5 ), Box 12 [ Entry 2062 ]. Foreign Service Post of the Department
of State. Austria , U. S. Element of the Allied Commission for Austria. General Records , 1945–195 ( Education ), Association of Austrian University Students to the Allied Commission for Austria , „The New
National-Socialist Law“, 5th February 1947 , 1.
2154 Verordnung des Bundesministeriums für Unterricht , RA.GZ Z 28. 987-III /  / 78 / 48 , vom 3. Mai 1948.
Die Amnestierung der Minderbelasteten wurde auch von der KPÖ , hier insbesondere von Ernst Fischer ,
gefordert. Die Jugendamnestie kam am 27. Februar vor den Alliierten Rat und wurde am 28. Mai 1948
mit Einstimmigkeit genehmigt. Vgl. Stiefel , Entnazifizierung in Öster­reich , a. a. O., 307. Die endgültige
Regelung brachte erst das Bundesgesetz vom 22. April 1948 , das im § 1 bestimmte : „Minderbelastete
Personen im Sinne des § 17 Abs. ( 3 ) des Verbotsgesetzes 1947 , die nach dem 31. Dezember 1918 ge­
boren wurden , sind mit Inkrafttreten diese Bundes­verfassungs­gesetzes von den Verbotsgesetzen 1947
und von sonstigen Gesetzen enthaltenen Sühnefolgen befreit.“ BGBl., 1948 , Stück 1 bis 51 , Nr. 70 , 16.
Stück , 28. April 1948 , 331.
2155 Erlass vom 16. April 1947 , Z. 2159–Präs. /  I. Verordnungsblatt für den Dienst­bereich des Bundes­mini­
steriums für Unterricht , Jg. 1946 , Wien am 1. März 1946 , 3. Stück , 51.
2156 So z. B. die Erweiterung des registrierungspflichtigen Personenkreises um Ange­hörige der Gesta­po , der
SA sowie NS-Autoren und wirtschaftliche Kolla­borateure , die Einschränkung auf die von der Sühne­
pflicht befreiten Personen , hier insbe­sondere auch der Jugendlichen von Jahrgang 1924 aufwärts , und der
Verschärfung der Sühnefolgen.
2157 Stiefel , Entnazifizierung in Österreich , a. a. O., 118.